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Rentenreformen in Deutschland und Österreich: 5 Beobachtungen

Deutschland und Österreich setzen im selben Quartal auf kapitalmarktbasierte Vorsorge: fünf Beobachtungen und der größte blinde Fleck.

Søren Obling
Søren Obling 18. Juni 2026
DEAT

Pensionsreform in Deutschland und Österreich im selben Quartal. Zufall? Sicher nicht. Beide Länder haben innerhalb von drei Monaten kapitalmarktbasierte Altersvorsorge-Reformen beschlossen: in Deutschland das neue Altersvorsorgedepot statt Riester und in Österreich die Reform der Vorsorgekassen für die Pension.

Es gibt mehr Parallelen, als man auf den ersten Blick denkt. Hier meine fünf Beobachtungen.

Fünf Beobachtungen zu beiden Reformen

Gleiches Quartal, klares Signal

  • Das Timing ist kein Zufall. Es ist ein Signal, dass unsere Pensionssysteme leiden. Und die Politik kann das Thema (trotz braver Versuche) nicht ignorieren.

Mehr Kapitalmarkt, weniger Garantien

  • Beide Reformen setzen auf angemessenes Risiko, und das ist gut so. Weg von den schädlichen Garantien. Eine wichtige Rolle spielen dabei Merz’ BlackRock-Hintergrund und in Österreich die NEOS rund um Christoph Pramhofer. Chapeau.

Opt-in statt Opt-out: das größte Problem

  • Beide Reformen setzen auf Opt-in, alle müssen selbst aktiv werden. Wir wissen zum Beispiel aus Dänemark und den Niederlanden und aus der Verhaltensökonomie (Stichwort Thaler und Nudging): Opt-out erreicht ganz andere Teilnahmequoten.

Der Staat diktiert Maximalkosten

  • In beiden Ländern werden Kostenobergrenzen staatlich festgelegt: 1 % in Deutschland, 0,6 % in Österreich. Einerseits Konsumentenschutz, gut. Andererseits muss man sich wundern: Warum traut der Staat dem Markt nicht zu, faire Preise zu bilden?

Der Gewinn ist die Struktur, nicht der Impact

  • Isoliert betrachtet werden die Reformen leider wenig bewegen. Die Teilnahmequoten werden zu niedrig sein, die Volumina zu klein. Aber die Struktur steht jetzt, und Strukturen lassen sich ausbauen. Der echte Impact kommt mit der nächsten Ausbaustufe.
Quelle Deutschland: Bundestagsbeschluss zum Altersvorsorgedepot vom 27.03.2026 (Kostendeckel 1 % für das Standardprodukt).

Der größte blinde Fleck

Der Wunsch nach niedrigen Kosten ist richtig und vernünftig. Aber wer „Opt-in“ sagt, sagt auch „Vertriebsaufwand“. Es gibt zwar (leider) wenig Unbeliebteres als Finanzvertrieb und Beratung, aber in Opt-in-Modellen machen genau sie den Unterschied. Und das kostet. Das ist der größte blinde Fleck beider Reformen.

Riester durch etwas Besseres zu ersetzen, ist grundsätzlich gut. Aber Opt-in-Modelle zu konstruieren, die per Definition Vertrieb und Beratung auslösen, bei denen Berater:innen aber kaum ein tragfähiges Geschäftsmodell finden können, außer vielleicht digitale Broker, bringt einfach nicht viel. Das ist super für Menschen mit finanzieller Bildung. Nicht so sehr für den Rest.

Mein Fazit

Die, die diese Reformen feiern, haben recht: Es sind wichtige Schritte. Die, die sie kritisieren, haben auch recht: Isoliert bringen sie zu wenig. Beides stimmt gleichzeitig.

Und jetzt kommt es auf uns als Branche an. Je mehr Erfolge wir mit diesen Reformen vorweisen, desto leichter machen wir es der nächsten Generation von Politiker:innen, den nächsten Schritt zu gehen.

Die Reform in Österreich hat dabei bessere Chancen, denn hier sprechen wir über ein Opt-in innerhalb eines Opt-out-Systems: Für alle Arbeitnehmenden fließen gesetzlich 1,53 % des Gehalts in eine Vorsorgekasse, und dieses Geld kann beim Jobwechsel ausgezahlt werden. Die Reform ermöglicht nun ein Opt-in, mit dem man es der Pensionsvorsorge widmen kann. Wenn die Branche zeigt, dass sich 20 bis 30 % der Österreicher:innen für das neue Modell entscheiden, dann haben wir gewonnen, und ein Opt-out wird sehr wahrscheinlich.